Menu

Reich werden wir nicht

Reich werden wir nicht
Valeria Ochoa Sevilla, 56, ist Bäuerin in Nicaragua. Sie kämpft mit dem Kaffeepilz – und ist froh über den fairen Handel.

Texto in Alemán.

  Ich will gleich wieder raus aufs Feld, um nach meinen Kaffeesetzlingen zu schauen. Sie sind noch sehr klein und stecken im Moment in schwarzen Plastiktüten. Dass ich regelmäßig ein paar Kaffeesträucher durch neue Pflanzen ersetze, ist ganz normal. Aber dieses Jahr ist es eine andere Situation. In der vergangenen Kaffeesaison hat ein Pilz, der sogenannte Kaffeerost, in vielen Teilen Nicaraguas sein Unwesen getrieben. Auch mich hat dieser Pilz einen großen Teil meiner Ernte gekostet. In guten Jahren ernte ich mehr als 30 Zentner Kaffee, im vergangenen Jahr waren es nur 16. Das ist eine ganze Menge Geld, die mir nun fehlt. 

Daher muss ich jetzt viele Setzlinge einpflanzen und noch einige Zeit warten, bis ich den ersten Kaffee von den neuen Pflanzen ernten kann. Dieses Jahr werde ich vielleicht fünf Zentner Kaffee zusammenbekommen. Mehr bestimmt nicht. Zum Glück gibt es unseren Genossenschaftsverband San Ramón und den fairen Handel. Ich weiß nicht, was ich sonst nach der schlechten Ernte gemacht hätte. Einen Kredit hätte ich bei der Bank vermutlich gar nicht oder nur zu sehr schlechten Bedingungen bekommen.

Aber der Sozialfonds, der mit der Prämie aus dem fairen Handel eingerichtet wurde, hilft uns in solchen Situationen. Manchmal werden davon Wege erneuert, manchmal erkrankte Bauern unterstützt und manchmal eben Renovierungen der Kaffeefelder finanziert. Gleich dort drüben wurden mit Geld aus dem Sozialfonds und Unterstützung der Regierung für einige Mitglieder unserer Kooperative neue Häuser gebaut. Die Bewohner mussten nur einen sehr geringen Anteil selbst beisteuern. Allein hätten sie sich das nicht leisten können und müssten weiterhin in ihren baufälligen Hütten wohnen. 

Ich bin jetzt 56 und arbeite im Kaffeeanbau, seitdem ich denken kann. Mein Vater hat ein Stückchen weiter den Hang hinauf Kaffee angebaut. Ich habe ihm schon als kleines Mädchen bei der Arbeit geholfen. Als nach der sandinistischen Revolution von 1979 unsere Kooperative Danilo Gonzalez gegründet wurde, haben mein Mann und ich eigenes Land bekommen. Da wir beide Mitglieder der Kooperative sind, haben wir beide jeweils 1,5 ektar Fläche für den Kaffeeanbau und ungefähr 3,5 Hektar Land für Grundnahrungsmittel wie Mais und Bohnen. Durch den fairen Handel kommen wir seit Mitte der 1990er- Jahre ganz gut über die Runden. Hätten mein Mann und ich unseren Kaffee weiterhin zu Weltmarktpreisen verkaufen müssen, wäre es unmöglich gewesen, den Schulbesuch und das Studium unserer acht Kinder zu bezahlen. Bildung ist hier in Nicaragua zwar kostenlos, aber die Kinder brauchten Schuluniformen, Hefte und Stifte. Auch die tägliche Busfahrt von La Reyna, wo wir wohnen, in die nächstgelegene Stadt San Ramón musste bezahlt werden. 

Reich werden wir durch den fairen Handel natürlich nicht. Wir leben hier in einfachen Verhältnissen und können uns keinen großen Luxus leisten. Aber zumindest haben wir die Gewissheit, für unseren Kaffee einen gerechten Preis zu bekommen. Ich kann mich noch an andere Zeiten erinnern. Ende der 1980er-Jahre war der Kaffeepreis teilweise so niedrig, dass er nicht einmal die Kosten für den Anbau deckte. Viele Kleinbauern haben damals aufgegeben und sich eine andere Arbeit gesucht. Einige arbeiten nun zum Beispiel auf einer großen Finca und bekommen jeden Monat ein festes Gehalt. Für uns war das keine Option. Wir wollten weiterhin mit Kaffee arbeiten. Das ist für uns nicht bloß irgendein Produkt, mit dem wir Geld verdienen. Wir betreiben den Kaffeeanbau mit Leidenschaft. Außerdem würde ich meine Freiheit nicht missen wollen. Wir haben unser eigenes Land und können selbst entscheiden, was und wie viel wir anbauen. Mir ist das sehr wichtig. Die Landarbeiter auf einer Finca müssen stattdessen das machen, was der Besitzer sich vorstellt. 

Das Leben als Kleinbäuerin ist anstrengend. Ich stehe morgens um sechs Uhr auf, gehe raus aufs Feld und bin oft bis abends unterwegs. Manchmal komme ich zwischendurch zurück, um etwas zu essen oder zu trinken. Wenn ich weiter weg arbeite, nehme ich mir nur eine Tüte Wasser zum Trinken mit. Im Moment gibt es nicht so viel zu tun. Meine jungen Kaffeepflanzen müssen noch wachsen, und von den älteren sind wegen des Kaffeerosts ja nicht so viele übrig. Wir alle warten auf den Beginn der Regenzeit, um wieder Mais und Bohnen anzubauen. Dann werden die Arbeitstage für mich wieder länger. 

Unsere Kooperative hat das Glück, von den Vorteilen des fairen Handels profitieren zu können. Viele Kaffeebauern würden sich diesem System gerne anschließen, um auch bessere Preise für ihren Kaffee zu erzielen und mehr Sicherheit zu haben. Aber es gibt nicht genügend Abnehmer für fair gehandelten Kaffee. Ich wünsche mir, dass sich das in Zukunft ändert.

  Protokoll: Jens Klein